Friday, March 8, 2013

Die Physik des Snowboardens - Teil 2 - Grundstellung und Bindungswinkel

Rund um die richtige Grundstellung gibt es leider einen Glaubenskrieg. Und wie bei jedem Religionskrieg gibt es kein Richtig und Falsch: Duckstance verus positiver Bindungswinkel

Eigentlich ist es ganz einfach: Wer Freestyle Tricks mag wird Duckstance den Vorzug geben, wer ein schmales Alpinboard fährt hat einen Bindungswinkel von 70° und mehr.
Unser Ziel ist es aber ein schneller und sicheres Lernen zu ermöglichen, keine Freestyle Tricks und kein Riesenslalomrennen.
Wie so oft ist der Mittelweg dafür am Besten geeignet, warum versuche ich gleich zu begründen.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf stehe ich dem DSV Lehrplan sehr skeptisch gegenüber. Der Lehrplan ist nahezu vollständig auf Tricks ausgerichtet, dort wird inzwischen der Duckstance von Anfang an unterrichtet. Auf Kosten des einfachen erlernens.
Beim Österreichischen Skiverband wiederum wird die Bindungsposition später immer mehr dem Duckstance angenähert, je mehr man in Richtung Halfpipe geht. Begonnen wird aber mit positivem Bindungswinkel.
Und jetzt mal ehrlich, wie viel der Zeit fährt man in der Halfpipe oder im Funpark und wie viel auf der Piste? Wenn das eine das Andere komplett unmöglich machen würde, einverstanden, dann muss man in den sauren Apfel beißen, nur ist dem nicht so.
Zusätzlich werden dem Duckstance einige Vorteile nachgesagt die einfach nicht stimmen. Aber lassen Sie uns zuerst den positiven Bindungswinkel betrachten.

Grundstellung

Die klassische Grundstellung nach österreichischem Lehrplan ist, man steht am Brett und dreht den Oberkörper soweit in Fahrtrichtung wie es leicht möglich ist. Bei einem Bindungswinkel von 20° wird das vielleicht 45° sein, auf einem Raceboard mit Bindungswinkel von 65° kommt man bis komplett in Fahrtrichtung. Der absolute Betrag ist aber egal, es sollte eben nur eingedreht sein.



Im Vergleich, bei Duckstance ist man gezwungen die Schultern parallel zum Board zu halten, wie in diesem Bild.

Was ist jetzt besser und warum?

Haben Sie schon einmal einen Boxer oder Kampfsportler gesehen, der so wie auf dem letzten Bild da steht? Nein, denn diese Position ist zwar entspannt, man steht aber nicht stabil. Ein leichter Schlag und man sitzt am Hinterteil. Beim Snowboarden ist es das Gleiche, in dieser Position genügen kleine Bodenunebenheiten oder Fahrfehler und man liegt am Boden.
Betrachen wir das Ganze über das Argument des Gleichgewichts, da fällt mir ein Seiltänzer ein. Warum hat kein Seiltänzer die Schultern parallel zum Seil sondern immer frontal? Weil es so einfacher ist das Gleichgewicht zu halten. Ein Kunststück seitlich stehend am Seil zu machen gehört zu den schwierigsten Übungen überhaupt!


Egal welche verwandte Sportart man betrachtet, Skateboard, Surfen, Skifahren, Fahrrad fahren, überall steht man mit den Schultern eher in Fahrtrichtung und nicht parallel zur Fahrtrichtung.
Man stelle sich nur vor man würde Fahrrad fahren so unterrichten dass man sich 90° verdreht auf den Sattel setzt und einen Abhang herunter fährt. Würde man damit einen schnellen Lernerfolg haben? Also ich würde mich nicht trauen eine Kurve zu fahren.
Aber auch hier würden die gleichen Argumente wie für den Duckstance gelten:
Es ist bequemer - man muss nicht ein Bein über den Sattel schwingen.
Man könnte dann genausogut Vorwärts wie Rückwärts fahren.
Stimmt auch alles, aber so anfangen?!

Es ist auch faszinierend beim Snowboarden selbst zu sehen. Wie war das? Der Duckstance ist die natürliche und bequemste Position. Ist das wirklich so? Stellen Sie sich vor sie wollen einen Berg mit den Schuhen hinunterrutschen. Wie würden Sie sich hinstellen? Im Duckstance? Oder eher frontal.
Auch beim Schlepplift fahren sieht man das sehr deutlich. Der Vordere Fuss ist in der Bindung mit welchem Winkel auch immer. Wie steht der hintere Fuss? Im Duckstance? Sicher nicht. Deswegen ist das Argument "Natürlich und bequem da stehen" richtig, nur die Schlussfolgerung dass dies Duckstance bedeutet ist genau falsch.

Beim Snowboarden kommen noch ein paar weitere Dinge hinzu.
1. Durch das verdrehen der Beine erhöht man die Steifigkeit. Nicht mehr das Gelände zwingt einem die Bewegungen auf, sondern man selbst kontrolliert die Fahrt. Betrachten Sie einmal einen Freestyle Fahrer der ohne diese eingedrehte Position eine zerfahren Piste hinunter fährt: Seine Knie flattern , es ist wenig Stabilität und Kontrolle.
2. Wenn man Bodenunebenheiten über die Knie abfängt ändert sich im Duckstance der Aufkantwinkel, bei einer eingedrehten Grundposition nicht. Was passiert wenn man ganz tief in die Knie geht? Die Fersen kommen hoch und man steht nur noch auf den Zehenspitzen. Mit Snowbard bedeutet das also, nur weil man einen Buckel gerade herauf fährt, erhöht man den Kantendruck, beim Hinunterfahren danach verringert sich der Kantendruck. So fährt man keine kontrollierten Schwung, wenn sich der Kantendruck nicht nach Schwungphase richtet, sondern nach der Bodenbeschaffenheit.
3. Weniger Angst sich in die Kurve zu legen. Im Duckstance lässt man sich auf der Frontside mit dem Gesicht zu Tal fallen, um sich in die Kurve zu legen, bei Backside einfach blind nach hinten. Okay, der Kopf ist normalerweise schon gedreht, aber wenn man eher wie ein Fahrradfahrer sich mal links, mal rechts in die Kurve legt, ist die Überwindung viel geringer. Noch dazu wo wir auch die Hände frei haben um sich bei Bedarf abzufangen. Für uns Profis ist die Überwindung nicht ganz so schlimm aber auch wir gewinnen mit dieser Fahrtechnik an Sicherheit und Überblick. Man schaut einfach immer in Richtung Kurvenmittelpunkt, eine sehr natürliche Bewegung.
4. Für den späteren geschnittenen Schwung, seine Übungen und optimierter Fahrweise davon, ist die verdrehte Grundstellung zwar kein Muss, erleichtert aber sowohl das Erlernen als auch die Sicherheit.
5. Wenn man bei Duckstance Druck auf die Kante ausüben möchte um einen Langen Turn zu fahren, dann muss man auf der Backside die ganze Zeit auf der Ferse stehen und die Zehen hochziehen, auf der Frontside sich auf die Zehenspitzen stellen. Ein Skifahrer legt sich im Gegenzug einfach in die Kurve und muss nicht mit Kraft Kantendruck erzeugen.
6. Je breiter ein Board ist, um so höher ist der Hebelarm der Kante. Man muss also viel mehr Kraft aufwenden um auf der Kante zu fahren. Daher sind Boards nicht 40cm breit, im Gegenteil man versucht eher schmaler zu bauen, Was macht man jetzt mit seinen Schuhen? Duckstance mit +-30° einstellen? Geht nicht. Mit Duckstance ist man gezwungen die Boards breiter zu machen als notwendig, auf Kosten des Kantendrucks bzw Ermüdung.

Im Vergleich betrachten wir die Vorteile vom Duckstance. Ich darf von snowboarden.de zitieren, letzter Absatz:
  • "Es entspricht eher der natürlichen Fußstellung und ist damit bequemer": Stellen Sie sich vor den Badezimmerspiegel und schauen sie sich die Fußstellung an. Der eine wird +5° sein, der andere -5°. Soweit stimmt das. Aber damit ist nicht gesagt, dass man mit genau dem Bindungswinkel fahren würde. Das Board muss nicht parallel zum Spiegel liegen, es könnte auch mit 20° in Richtung Wand zeigen. Also alles was dieses Argument sagt ist, der Bindungswinkel sollte 10° unterschiedlich sein - oder wie viel auch immer.
  • "Man kommt leichter in die Knie, was beim Fahren die Stabilität erhöht und auf Kickern Grabs erleichtert": Auch hier wieder, stellen Sie sich vor den Spiegel und gehen sie weit in die Knie. Jetzt stellen Sie sich wie ein Boxer hin, also Ausfallschritt, und gehen ebenfalls in die Knie. Laut diesem Argument dürfte in Boxer nicht so gut in die Knie gehen dürfen. Jetzt machen Sie das ganze nochmals und diesmal darf sich der Druck auf der Kante nicht ändern.
  • Der Oberkörper ist in der Ruheposition gegenüber dem Board nicht vorrotiert, man hat also keine unnötige Rotation die man z.B. bei Boardslides gar nicht haben will.": Stimmt.
  • "Für Anfänger bietet es [nicht vorrotiert] den Vorteil, dass sich Schrägfahrten leichter gestalten und dass einem der häufigsten Fehlerbilder (Taloffenheit) entgegengewirkt wird.": Das sehe ich nicht so. Es ist völlig unerheblich ob man 10° vorrotiert ist und dann auf 20° sich in der Kurve dreht. Oder von 0° auf 10°. Der wesentliche Unterschied ist dass die 20° näher an der möglichen Maximaldrehung sind, daher dreht man damit das Board auf der Backside automatisch mit. Und auf der Frontside ist es, wie gesagt, egal. Ich unterrichte den Driftschwung so dass ich den Schülern sage sie sollen "lenken". Man drehe die Schulter nach links und das Board folgt. Man drehe nach Rechts, das Board folgt. Eine aktive und kontrollierte Steuerung. Nach der Duckstance fahrweise dreht sich das Board und der Körper folgt. Dann kontrolliert mich das Board.
  • "Heutzutage wird außerdem auch das Carven mit dem Oberkörper parallel zum Brett geschult (außer man steht auf einem Raceboard).": Das ist kein Argument. Wenn überhaupt wird das Carven nur deswegen so unterrichtet weil man bei Duckstance keine Alternative hat. Und nicht Duckstance ist gut wegen dem Carven. Ganz im Gegenteil. Genauso könnte ich sagen "Heute wird das Fahrradfahren so unterrichtet dass man den Oberkörper parallel zum Fahrradrahmen hat".
  • "Switch (Skater kennen's als "Fakie", also anders herum als normal fahren) gestaltet sich wesentlich einfacher. Gerade bei Drehungen wie 180 (und irgendwann eventuell 540, 900) bietet das einen entscheidenden Vorteil, da man dort nach dem Sprung bzw Slide eben das "falsche" Bein vorne hat.": Korrekt.
Wenn man diese Argumente also zusammenzählt, dann wird hauptsächlich gesagt: "Für etliche Freestyle Tricks ist Duckstanze ein muss". Dem stimme ich 100% zu. Blöderweise fahren nur die wenigsten Freestyletricks, viele dieser Tricks gehen prinzipiell auch mit positiver Bindungseinstellung. Aber warum sollte man Kompromisse eingehen, also Freestyle Tricks = Duckstance.
Und wenn man Freestyle Tricks nun mal fahren möchte, dann wird man sich nicht auf der Piste die Bindung umstellen. 
Aber Duckstance einem Anfänger zu empfehlen, so zu unterrichten oder jemanden, der fast nur auf der Piste unterwegs ist, so fahren zu lassen, davon halte ich nichts. Da überwiegen die Nachteile um Faktoren.

Bindungswinkel

Aus oben gesagtem ist auch schon klar welche Bindungswinkel ich normalen Fahrern, und damit 90% der Personen, empfehlen würde: Eine gute Regel könnte sein, den Winkel so zu wählen dass die Schuhe gerade nicht über die Boardkanten schauen. Das ist für mich der optimale Kompromiss.

Nehmen wir hier wieder Extrembeispiele, um zu betrachten was passiert.
Angenommen man hätte einen Winkel von 90°, würde also wie ein Skifahrer da stehen, dann wäre die einzige Möglichkeit mehr aufzukanten sich mehr in die Kurve zu legen. Dazu kommt dass ein Snowboard breiter als ein Ski ist und die Kante daher einen längeren Hebelarm hat, es wäre entsprechend nur sehr schwer mit Druck auf der Kante zu fahren.
Mit meiner Regel, gerade so dass der Schuh nicht über die Kante schaut, erreicht man also das Optimum, auch wenn es je nach Brett Typ komplett unterschiedlich ist. Bei einem Freestyle Brett wird das Bindungswinkel von 10-20° bedeuten, bei einem schmalen Raceboard 70°.
Dass die Schuhe nicht über die Brettkante schauen dürfen ist, so denke ich, offensichtlich. Kantet man ein wenig mehr auf, würde man auf den Zehenspitzen fahren und nicht mehr auf der Kante. Das ist sicherlich ein netter Trick, unserem Ziel des "Sicher fahren" bringt uns das aber nicht näher. Von Carven gar nicht gesprochen.

Übrigens, letztens hatte ich bei eBay nach Raceboards gesucht. In gut 80% der Fälle war die Bindung so eingestellt, dass nicht nur der Schuh, sondern die Bindung selbst, über die Kante geragt ist. Man fragt sich warum diese Leute ihr Snowboard verkaufen. Vielleicht weil sie damit keinen geschnittenen Schwung geschafft haben? Machen Sie sich mal den Spass und geben Sie "Raceboard" in der eBay Suche ein...

Faszinierend, oder?



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