Saturday, March 9, 2013

Die Physik des Snowboardens - Teil 3 - Carven

Eigentlich haben wir zum Carven bereits alles gesagt. Wir haben von Grundstellung und Bindungswinkel gesprochen, von Kantendruck und Kräften. Was noch fehlt ist die Antwort auf die Frage warum das Carven als der schwierigste Fahrstil betrachtet wird.


Einer der Gründe warum man kaum jemanden auf Pisten gut carven sieht, ist sicher der falsche Fahrstil. Etwa am Brett seitlich stehen, Bindung oder Füße ragen über die Kante des Bretts und erlauben deswegen kein auf-der-Kante-fahren. Bindungswinkel nicht optimal oder der Fußabstand zu groß. Alles Fehler die man beim Driftschwung ausgleichen kann, beim Carven eher nicht.

Der wichtigste Unterschied zwischen Carven und Driftschwung ist jedoch dass man eine Korrekturmaßnahme weniger hat, das driften über die Kante selbst. Eine der ersten Übungen, die jeder Schüler lernt, ist beim Hang herunter rutschen die Kante mehr oder wenige einzusetzen, um die Geschwindigkeit talwärts zu kontrollieren. Eigentlich geht es immer nur um diesen einen Punkt und sobald der Körper das unbewusst von selbst macht, kann man gut Snowboarden. Beim Driftschwung das gleiche. Ist man in Gefahr in die Kurve hineinzufallen stellt man ganz automatisch das Brett mehr auf die Kante und wird durch diese Bewegung wieder gefangen. Beim Carven geht das nicht.

Teil 1 - Störungen

Betrachten wir einmal die Störungen bei einem geschnittenen Schwung und deren Einfluß, um zu sehen welche Faktoren kritisch sind, welche sich positiv oder negativ verstärken.

Vom Kräftediagramm her gesehen ist Carven der reine Horror. Man hat die Massenträgheit des eigenen Körpers die einen aus der Kurve schmeissen möchte (salopp Fliehkraft genannt), wir wirken dem entgegen in dem wir uns in die Kurve legen. Nur wenn diese beiden Kräfte exakt deckungsgleich sind, überlebt man den Schwung ohne Sturz. Ist das also die Erklärung warum Carven so schwierig ist? Nein, denn sehen wir uns mal an was passiert wenn Störungen der Kräfte auftreten.



Ich habe mich zu stark in die Kurve gelegt

In diesem Fall reicht die Fliehkraft nicht aus und man kippt um. Durch das Umkippen kantet man das Board stärker auf, ob man will oder nicht, und zusätzlich wird sich das Board, wegen der Taillierung, stärker durchbiegen und der Kurvenradius geringer. Beide Effekte führen dazu dass die Fliehkraft von selbst größer wird und man wieder in ein Gleichgewicht der Kräfte kommt. Mit anderen Worten, Störungen in der Kurvenlage bessern sich von selbst aus. Beim Extreme Carving steht das Brett senkrecht zur Piste um man macht sehr enge Turns, selbst im Steilen.

Die Untergrundbeschaffenheit wechselt

Wenn der Boden mal griffig, mal eisig ist, dann hat das auf uns keinen Einfluss so lange wir es schaffen im geschnittenen Schwung zu bleiben. Ist es so eisig dass man sich mit dem Brett nicht mehr halten kann, klar, dann liegt man. Man hat keinen Kantendruck mehr, nichts das einen in die Kurve zwingt, die Fliehkraft ist schlagartig weg, man liegt am Boden.
Ein wenig anders ist es bei tiefem Schnee. Dort hat man keine Probleme mit dem Kantendruck, das Brett wird sich aber eingraben und davon abgebremst werden. Die Fliehkraft ist aber unterschiedlich, je höher die Geschwindigkeit um so mehr muss ich mich in die Kurve legen (bei gleichem Radius).
Aus dieser Sicht heraus ist dem Fahren bei unterschiedlicher Bodenbeschaffenheit eher engen Grenzen gesetzt.
Die Krönung ist das Carven in der Buckelpiste. Das ist überhaupt kein Problem, richtige Fahrtechnik vorausgesetzt, denn es ändert sich nichts. Die Unebenheiten werden über die Knie abgefangen und im Mittel ist es das gleiche wie auf einer flachen Piste. Ich kann also nur jedem empfehlen das ausgiebig zu üben, denn kaum jemand verdeutlicht einem Fahrfehler so nachhaltig, wie eine Buckelpiste beim Carven.
Die einzige Grenze in der Buckelpiste ist die Geschwindigkeit. Sobald man die Buckel nicht mehr über die Knie ausgleichen kann und jeder Buckel wie eine Sprungschanze das Brett in die Luft katapultiert, hat man keinen Kantendruck mehr und das war's.


Gewichtsverlagerung vorne/hinten

Jedem Fahrer ist ohne jede Erklärung klar, beim geschnittenen Schwung muss das Gewicht über der Brettmitte sein. Insofern ist das meist nicht weiter von Belang, für uns ist es aber wichtig zu wissen dass man hier ebenfalls nur sehr enge Grenzen hat und wir müssen den Schüler aufmerksam diesbezüglich beobachten.
Was passiert wenn man den Schwerpunkt nur 10cm zu weit vorne hat? Es wird mehr Druck auf die Brettspitze ausgeübt, das Brett gräbt sich tiefer ein und damit erhöht sich der Kantendruck, alles in bester Ordnung. Durch das tiefere Eingraben verringert sich aber die Geschwindigkeit und wie oben gezeigt, ist das schlecht für das Gleichgewicht der Kräfte. Zusätzlich bedeutet eine Geschwindigkeitsreduktion dass einen Bremskraft nach vorne drückt und man also noch mehr Kraft an der Brettspitze erzeugt. Hier haben wir also eine Störung die sich verstärkt, nicht wie bei vielen anderen sich selbst korrigiert.
Analog ist zu viel Gewicht hinten, dann hat das Brett die Tendenz zu beschleunigen und dreht sich unter uns nach vorne und wir fallen nach hinten. Ebenfalls eine Verstärkung der Störung.
Dazu kommt noch dass die Taillierung des Bretts eigentlich die Lage des Druckpunkts vor gibt, um eine schöne und gleichmäßige Biegekurve im Brett zu haben.


Das Schwierige für uns ist die Gewichtsverlagerung vorne/hinten als Fehler zu erkennen. Würde man senkrecht da stehen, der Oberkörper nicht nach vorne gebeugt, dann wäre es einfach. Aber in der klassischen Kampfstellung den Schwerpunkt so präzise zu erkennen - unmöglich. Wenn aber der Sturz passiert ist, kann man anhand der Geschehnisse und der Spuren das sehr leicht rekonstruieren. Man fragt einfach: Warum ist Dir das Brett unter dem Hintern davon gefahren? Gewicht war hinten. Warum hat es Dich nach vorne geworfen und Dich mit der Brettspitze eingegraben? Gewicht war zu weit vorne.
Genau diese Gewichtsverlagerung ist der einzige Unterschied zwischen dem Carven und Driftschwung. Beim Driftschwung geht man zur Schwungeinleitung mit dem Gewicht nach vorne und zum Abschwingen nach hinten. Zusätzlich kantet man weniger auf, um eben die Kante übermäßig stark zu belasten dass einen der Schnee nicht mehr halten kann und man zu rutschen anfängt.
Diese Gewichtsverlagerung zu korrigieren ist der wesentlichen Punkte beim Erlernen des geschnittenen Schwungs.


Teil 2 - Optimierungen beim Carven

Wir hatten uns als Ziel gesetzt sicher zu fahren. Was könnten wir also machen um beim geschnittenen Schwung mehr Sicherheit zu bekommen? Das haben wir oben eigentlich schon heraus gefunden: Immer gleichmäßigen Kontakt zum Schnee haben und Bodenunebenheiten ausgleichen. Hoher Kantendruck für enge Radien und damit kontrollierte Geschwindigkeit.

Eine Erklärung die ich oft gesehen habe ist: Stell Dich aufrecht hin und lass Dich in die Kurve fallen. Ist eine super Übung für fortgeschrittene Fahrer, gerade in Hinblick auf die exakte Gewichtsverteilung. Aber einen Anfänger mit einer Übung zu belasten die viel Überwindung kostet, den Schwerpunkt weit oben hat, die Höhe aus der man stürzt maximiert und man den Kurvenradius nicht kontrollieren kann, so eine Übung als erstes zu machen ist ein Verbrechen. Der einzige Grund warum das überhautp geht ist wegen dem was wir oben über Störungen gesagt haben, je stärker man sich in die Kurve legt um so enger wird sie wegen der Brett-Taillierung und die Kräfte gleichen sich wieder aus.

In die Knie gehen, was sonst?

Die erste Optimierung, wie bei praktisch allen anderen Sportarten auch, ist in die Knie zu gehen. Das ermöglicht erst das Ausgleichen der Unebenheiten, niedriger Schwerpunkt bedeutet man fällt nicht so leicht um und man fällt nicht von so hoch. Trivial.
Der andere Aspekt ist die Hoch-Tief-Entlastung. Wie kann man den Kurvenradius noch mehr verringern? Indem man das Brett stärker durchbiegt, eben durch eine Streckbewegung der Beine den Druck erhöht.


Schulterrotation

Beim Driftschwung haben wir gesagt, dass wir statisch im Kräftegelichgewicht sind und uns ein einmal aufgebautes Drehmoment durch die Kurve zieht - wir leiten den Schwung über die Schulter ein.
Beim Carven könnte man meinen dass dieses Argument nicht gilt, denn hier stehen wir fest auf der Kante und jedes Drehmoment der Schulter wird sofort vernichtet. Das bedeutet aber nicht das man über das Drehmoment keine Kräfte erzeugt. Nehmen wir einmal an, man ist gerade mitten im geschnittenen Schwung und man erzeugt ein Drehmoment. Ist die Richtung so dass es die Kurve unterstützt, dann reduziert sich die Kraft vorne und erhöht sich hinten und als Ergebnis wir man engere Radien fahren.
Hat man eine Gegenrotation, dann drückt das Drehmoment das Brett vorne mehr in den Schnee aus der Kurve heraus.
Darum ist beim geschnittenen Schwung, genau wie beim Driftschwung, die Schulterrotation eine wichtige unterstützende Maßnahme.
Petr von http://www.extreme-border.de zeigt das sehr schön. Man sieht richtig dass der Radius viel kleiner ist, als das Board selbst nur durch das Aufkanten machen würde.


Der Trick mit dem Hüftknick

Das nächste das ich gerne verbessern möchte ist der Kantendruck. Ich suche eine Methode mit der ich das Brett stärker aufkippen kann als ich nur durch hineinlegen in die Kurve erreiche.
Betrachten Sie einmal dieses Bild.
Indem man die Hüfte abknickt, schafft man es das Brett wesentlich steiler aufzustellen als die Fliehkraft es eigentlich zulassen würde. Mit dieser Technik kann man also engere Radien und langsamer fahren. Zusätzlich hat man eine Korrekturmöglichkeit gewonnen um eben doch den Kantendruck, ähnlich dem Driftschwung, anpassen zu können. Und schon sind wir unserem Ziel der erhöhten Sicherheit beim Fahren wieder einen Schritt weiter gekommen.
Für diese Technik gibt es übrigens eine schöne Übung: Man streckt die Hände seitlich weg wie Flugzeugtragflächen und das Ziel soll sein das diese Tragflächen immer parallel zum Boden zu halten, den ganzen Schwung hindurch. Damit gewöhnt man sich den Hüftknick an.
Diese Technikoptimierung ist also genau das Gegenteil zu der anderen Übung, wo man sich einfach nur in die Kurve fallen lässt.

Hochentlastung

Der normale Kantenwechsel wird über eine Hochentlastung unterstützt. Man ist im Turn, streckt sich immer weiter heraus um die Kante schön stark zu belasten und am Ende des Schwungs springt mein ein wenig hoch, landet auf der anderen Kante in den Knien und drückt wieder das Board den ganzen Schung hindurch in den Schnee.
Ob man dabei jetzt wirklich in die Luft springt ist eigentlich sekundär, es geht darum dass man zum Kantenwechsel möglichst wenig Druck ausübt. Genaugenommen finde ich das in die Luft springen sogar schlecht, weil man dann 0.5sec lang keine Kontrolle über das Board hat. Aber es macht Spass.

Tiefentlastung

Man kann aber das Brett auch anders aus dem Schnee bringen, indem man es sehr schnell zu sich zieht - die Tiefentlastung.
Also anstatt am Schwungende in die Luft zu springen, kann man genauso gut, da man ja schon gestreckt ist, ganz schnell in die Knie gehen und das Brett zu sich ziehen. Das ist ein sehr schneller Kantenwechsel, geht bis zum Kurzschwingen.
Eigentlich sind beide Entlastungsvarianten gleich. Bei der Hochentlastung ist man am Schwungende nahezu gestreckt und benützt die letzte Reserve um in die Höhe zu springen, bei der Tiefentlastung ist man nahezu gestreckt am Schwungende und zieht das Brett schnell zum Körper. Der Effekt ist der gleiche, man fährt auf einer Kante den Schwung zu Ende, dann ist das Brett mit wenig Belastung und hat Druck erst wieder auf der anderen Kante.
Der Unterschied ist aber dass bei der Hochentlastung der eigene Körper den größten Weg zurück legt, das Brett die Kurve sehr schön rund fährt. Wie gesagt, man springt von der einen Seite in die neue Kurve.
Bei der Tiefentlastung macht der Körper eine runde Kurve und das Brett fährt unter dem Hintern durch. Wenn es also sehr schnell gehen soll, ist die Tiefentlastung optimal.
Hier sieht man hoffentlich was ich meine. Die ersten Schwünge sind hochentlastet gefahren, ich springe mit dem Körper von einer Seite zur anderen, das Brett ist der Drehpunkt. Danach kommen tiefentlastete Schwünge, die Hüfte ist der Drehpunkt und das Brett fährt unten durch beim Kantenwechsel.

Carving Lernen

Die meisten Schüler haben am Anfang das Problem dass sie zu viele Bewegungsmuster aus dem Driftschwung sich einprogrammiert haben. Die einfachste Übung ist in Falllinie zu springen und sich dann nur zur Seite fallen zu lassen. Das kostet anfänglich Überwindung, aus der Falllinie heraus kann man sich aber langsam herantasten. Wichtig ist nur die Hände ruhig zu halten - keine Gegenrotation - und auch nicht das Brett mit dem hinteren Bein hochzuheben, wie man es gerne beim Driftschwung macht. Wirklich ganz statisch in die Kurve legen und schauen was passiert. Später kann man dann obige Unterstützungsmaßnahmen hinzufügen.



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