Saturday, March 9, 2013

Die Physik des Snowboardens - Teil 4 - EC Style

Seit 2 Jahren versuche ich das Extreme Carving zu lernen, ohne Erfolg. Jetzt gibt es endlich jemanden der das in Deutschland und Österreich schult (http://www.extreme-boarder.de/) und deswegen weiß ich auch warum es bei mir nicht geklappt hat: Die schummeln!

PS: Es gibt diverse Stile, hier (link) sind die wichtigsten Zusammengefasst.

Was ist EC Style?

EC Style heißt nicht eng zu carven, oder schnell zu fahren oder mit der Hand in den Schnee greifen, sondern man liegt während dem Schwung mit dem kompletten Körper im Schnee, das Brett steht 90° zur Piste.

Nur wie soll das gehen? Vielleicht wird es doch einmal Zeit ein paar Rechnungen anzustellen.

Die Rechnung bitte!

Wie schnell muss ich fahren um eine Schräglage von sagen wir 80° zu erreichen wenn ich ganz enge Turns mit 4m Radius fahre?

Die Formeln sind einfach:

Fliehkraft

Anteil der Schwerkraft, die einen aus dem Gleichgewicht zieht, wenn man sich in die Kurve legt

Unsere Frage lautet wann diese beiden Kräfte gleich sind. Wie man sieht ist die Masse des Fahrers egal da sie auf beiden Seiten steht, sagen wir also 80kg, und rechnen wir

Fgegen = tan(80°) * 80kg * 9,81m/s² = 4450Newton

Bei Masse=80kg und Radius r=4m, wie hoch muss v² sein um genau diesen Betrag zu erreichen? Schnell die Gleichung verbiegen und man erhält
v² = Fflieh * r / m = 4450N * 4m / 80kg = 222 (m/s)²
die Wurzel aus 222 ist
v = 14m/s = 53 km/h

Ich müsste also mit 50km/h eine Kurve mit nur 4m Radius fahren um mich 80° in die Kurve legen zu können. Dabei würden Fliehkräfte von 450kg auf die Boardkante wirken, mit den Beinen müsste ich 460kg stemmen.

Die Geschwindingkeit ist beachtlich für so enge Radien, kann ich 460kg mit den Beinen stemmen? Eher nicht. Wird der Schnee 450kg Kraft auf die Länge der Kante des Boards halten können? Niemals.

Was aber noch komischer ist, sehen Sie sich einmal dieses Video an.
http://www.youtube.com/watch?v=npb6DlBzMfE

Der fährt keine 50km/h und den Extreme Carving Style kann man sogar in ganz flachen Pisten fahren. Was ist die Erklärung?

Tricks die EC erst ermöglichen

Dazu sind mehrere Tricks dazu nötig, je nach Schwungphase.

1. Schwungeinleitung: Man fährt quer zum Hang und legt sich in die Kurve. Dadurch fällt man in Richtung Tal  und würde vom Brett herunter gezogen werden. Jetzt rotiert man aber gleichzeitig mit der Schulter und streckt schnell die Beine, macht eben alles um das Brett den äußeren Radius schnell um die Kurve fahren zu lassen bevor man komplett umgefallen ist. Wichtig hier ist dass der Druck des Brettes eher gering ist damit es wenig Widerstand hat und schnell in Richtung Tal kommt.
Das ist auch der Bereich in dem man mit der Hand in den Schnee fasst um sich abzustützen. Diese Stützkraft ist nicht wie bei Liegestütz das halbe Gewicht sondern, wegen Fliehkraft, Hangneigung usw, eher eine ganz kleine Unterstützung. Das ist es was ich mit "schummeln" meine. Die Hand im Schnee ist nicht eine optische Sache sondern genau das ermöglicht die eigentlich unmögliche Kurvenlage.

2. Falllinie: Hier stürzt das Brett und der Körperschwerpunkt den Hang hinunter und beschleunigt weiter. Wenn man sich also den Schwung ansieht, dann hat man sich einfach umfallen lassen, wegen der Hangneigung ist man aber nicht nur 1m umgefallen, sondern vielleicht 5m, den Hang hinunter. Je steiler der Hang ist, um so geringer ist der Anteil der Schwerkraft der einen auf den Hang legt, um so leichter ist der Schwung deswegen, selbst in der Schwungeinleitung und Falllinie. Rund um diesen Bereich kann man bereits mit dem Körper den Schnee berühren.

3. Abschwingen: In dieser Phase ist es einfach den Boden zu berühren weil man sich nur bis zur Hangneigung hinein legen muss. Das kann leicht über eine geringe Fliehkraft erreicht werden (Obige Rechnung bei 60° Körperneigung und 30° Hangneigung hätte man 1400N (143kg) Fliehkraft und müsste nur 30km/h schnell sein). In dieser Phase liegt auch der Druck an der Kante an und man kann die Geschwindigkeit kontrollieren.

4. Schwungende: Um wieder aufstehen und umkanten zu können, lässt man das Board weiter die Kurve fahren und bekommt es so wieder unter den Hintern.

Wenn man das alles zusammen nimmt, dann bleibt noch eine geringe Kraft übrig, die man irgendwie aufnehmen muss, eben mit der Hand im Schnee. Betrachten wir die Falllinie, dann ist das Board aussen, der Körper innen und vielleicht berührt man sogar schon zu diesem Zeitpunkt den Schnee. In der Ebene und ohne eine Kurve zu fahren hätte man 80kg die einen in 1m Entfernung (Distanz Körperschwerpunkt zu Brettkante) in den Schnee drücken. Und mit der Hand in 2m Entfernung von der Brettkante müsste man eben 40kg hochdrücken. Die Fliehkraft, wegen dem Kurven fahren, reduziert die notwendige Kraft um vielleicht 50%. Weil man aber nicht im Flachen fährt, teilen sich die 80kg auf, in die Normalkraft, die man stützen muss, und den Hangabtriebsteil, der uns talwärts beschleunigt. Schon bei 30° ist die Normalkraft nur noch 50% von vorher. Aus den 40kg werden in der Fallline, wenn man denn da schon komplett flach am Boden liegen würde, 10kg die man aufnehmen muss.

Es kommen aber noch weitere Effekte hinzu, die dem EC Stil ermöglichen.

  • Was passiert wenn man mit der Hand und der kompletten Brust im Schnee liegt? Man bremst. Wenn uns aber "jemand" oben festhält, dann macht man natürlich automatisch engere Radien.
  • Anders als beim normalen Carven geht man im Schwung mit dem Gewicht nach vorne. Damit drückt man das Board mit der Spitze stark in den Schnee, die Nase biegt sich nach oben, der Radius verkürzt sich.
  • Je steiler es ist, um so leichter. Das ist ein Punkt den ich anfangs anders gesehen hatte, inzwischen wurde ich eines besseren belehrt. Denn eigentlich ist es ganz logisch. Wenn die Piste schon um 45° geneigt ist bekomme ich den Körper leicht in den Schnee, ich muss mich ja nur 45° neigen. Im Flachen muss ich mich bis in die Horizontale bringen. Geht, dafür muss aber alles stimmen. Problem ist nur, sich auf einer schwarzen Piste mit der Schwungeinleitung Kopf voran Richtung Tal zu schmeissen, das kostet Überwindung.

EC Lernen

Wenn ich nochmals zusammenfasse, was man alles machen muss für EC, dann ist das eine Menge

  • Push-Pull, also die richtige Bord Be- und Entlastung um das Board schneller um die Kurve zu bringen
  • Schulterrotation um mit dieser Drehmomentunterstützung den Radius kleiner zu machen
  • Gewicht vor-zurück
  • Mit dem Unterarm und der Brust sich in den Schnee legen zum Abstützen und der Bremswirkung wegen
  • Und zu all dem mit dem exakten Timing. Stimmt irgendetwas davon nicht, hat man verloren.
Darum komme ich aktuell zu der Schlussfolgerung dass man so nicht schnell genug einen Lernerfolg hat. Es steht also die Frage im Raum, was kann man weglassen und was kann man in einer Übung verstecken, sodass der Schüler die Punkte automatisch richtig machen muss.
Ich bin deswegen dazu übergegangen mit folgender Übung anzufangen:
  1. In die Falllinie springen und ganz wenig Geschwindigkeit aufnehmen.
  2. Sobald man ein wenig fährt das Hinterteil ganz nahe an das Heck vom Board bringen und mit beiden(!) Händen in den Schnee greifen.
  3. Dann sich langsam strecken und dabei mit dem Gewicht nach vorne gehen.

Mit dieser Übung Punkten macht man ganz automatisch all die einzelnen Punkte, die für EC notwendig sind, richtig und im richtigen Timing. Zum Beispiel Schulterrotation: Dadurch dass man zuerst Falllinie fährt und dann mit beiden Händen zu einer Seite greift, muss man die Schulter rotieren, hat fast keine Möglichkeit das falsch zu machen oder zum falschen Zeitpunkt. 
Vor allem hat man einen schnellen Lernerfolg. Alles was als nächstes kommt ist nicht mehr in die Fallline springen sondern aus der Schrägfahrt kommen und am Ende des Schwungs das Brett wieder unter die Hintern fahren lassen damit man aufsteht.


Und sonst kann ich nur empfehlen mit Anderen zu fahren. Es gibt viele verschiedene Varianten des EC und oft liegt es nur an Kleinigkeiten, die einen sehr viel weiter bringen. Eines meiner Schlüsselerlebnisse war z.B. als mir einer der Profis von der http://frozen-backside.de zugerufen hatte "Du fährts schöne Schwünge, warum hörst Du mitten drinnen auf?" Ich hatte also schon bei 45° Querfahrt umgekantet und nicht erst wenn ich wirklich quer zum Berg gefahren bin oder gar bergauf, um Geschwindigkeit heraus zu nehmen. Plötzlich war ich langsamer, hatte mehr Zeit mich zu konzentrieren, mehr Zeit mich ordentlich heraus zu strecken und es sah einfach besser aus.
Sieht doch schon nicht schlecht aus, oder?






Post a Comment